Die Initialzündung - Model oder Muse?

Maggie, 2007
Beim Aktzeichnen im Studium war es das Ziel, den menschlichen Körper in der Zeichnung so zu beherrschen, daß man ihn auswendig zeichnen konnte, ohne daß jemand hinterher sagen könnte, ob man die Zeichnung vor Modell gemacht hat oder ohne. Das war insbesondere für das Zeichnen von Trickfilmen wichtig, da hier komplexe Bewegungsabläufe gezeichnet werden müssen, die man selbst vor einem Modell gar nicht sehen könnte. Bewegungsabläufe verstehen, und dann richtig zeichnen ist die Kunst des Trickfilms.

Jahrelang habe ich daraufhin Akte aus dem Kopf gezeichnet. Erst über den realistischen Cartoon bin ich wieder dazu gekommen, mit realen Models zu arbeiten. Es galt für die Story verschiedene Charaktere zu finden, die sich dann natürlich auch in den Zeichnungen unterschieden mußten. Tatsächlich läuft man Gefahr, bei seinen Kopfgeburten immer einen gleichen Typus zu entwickeln.
Und es sind oft die Kleinigkeiten, wie Mimik oder ganz wichtig auch Gestik, die dann dem Bild den richtigen Esprit geben. Kopfarbeit ist oftmals sehr konstruiert.
Die Wahl des richtigen Models für ein Motiv ist hier tatsächlich nicht zu unterschätzen. Bei der Arbeit entsteht ein sehr wichtiges Zusammenspiel zwischen Künstler/Fotograf/Zeichner und dem Model.
Was oftmals dazu führt, daß man mit einer bestimmten Idee in ein Shooting geht, und mit einer ganz anderen herauskommt. Tatsächlich ist das aber das Ergebnis von 2 Menschen.
Über das Verhältnis vom Künstler zu Model ist viel geschrieben worden. Von der Muse , die den Künstler inspiriert, bis hin zur Liaison (ich lege mich jetzt zu den Akten) ist man hier den wildesten Vermutungen ausgesetzt.
Tatsächlich ist es aber bei einer intensiven Zusammenarbeit ein ganz einzigartiges Verhältnis.


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Vieles,wenn nicht alles,in der akademischen Aktmalerei,erschien mir von jeher als Absage an die Erotik.Wir erfassen Proportionen und idealtypische Masse,aber,um G-tteswillen,keine körperliche Schönheit;)!Erotische Spannung im Aktzeichenkurs?Banausen,Ignoranten ,Barbaren…………!
Dabei kann schönes doch einfach nur schön sein.Das Model in diesem Fall ist es jedenfalls.
Mal im Ernst!
SO können sich nur Frauen eines bestimmten Alters,mit einer bestimmten Konfektionsgrösse hinknien.
Versuch das mal mit einem Mann!
Ich finde es immer wieder gelungen,wie du die Grenze zwischen integerer Erotik und verletztender,grenzüberschreitender Obzönität,oder gar Pornografie,einhälst.
Ob du die “Grenzen” im Studio einhälst ist mir übrigens völlig egal;)!Aber da ich dich ja kenne gehe ich eh von nichts anderem aus.
michele - 22. Oktober 2009 um 13:25 Uhr
In den Aktsälen war aufkommende Erotik schon durch die Auswahl der Modelle ausgeschlossen
Und was die Arbeit im Studio angeht……die Models, mit denen ich arbeite, kommen aus freien Stücken und werden dafür ja auch nicht bezahlt.
Das heißt sie kommen, um danach ein Ergebnis zu haben, mit dem sie sich identifizieren können. In der Regel bekommen sie auch Zeichnungen von sich.
Und genau das ist ja das tolle an der Arbeit. Schon im Vorfeld werden Ideen gesponnen. Vom Posing über Outfits bis hin zu der Umsetzung. Und gerade das macht es spannend, weil hier sehr viel Input kommt.
Und das Ergebnis ist immer abhängig von dem Model. Mal ein wenig frecher, mal ein wenig zurückhaltender. Aber eben immer anders, als wenn ich es aus dem Kopf heraus gemacht hätte.
Michael Strogies - 22. Oktober 2009 um 13:48 Uhr
Blind Painting mit offenen Augen?;))))))))))))Das wäre ja mal hochinteressant wenn wir alle drei gemeinsam mit einem Model arbeiten würden….aber ich weiss nicht ob Ulrique das so lustig finden würde.Obwohl es ja für die Kunst wäre…
Interessante Ergebnisse sind jedenfalls sicher zu erwarten.Für mich könnte das eine neue Erfahrung sein,wenn der “Gegenstand” meiner Arbeit reden kann und einen Körper hat.Bliebe dann auch einmal mehr die Frage :Wie informell ist dann ein solches Werk?
michele - 22. Oktober 2009 um 14:07 Uhr
Naja, da hatte ja Cornelius schon was zu geschrieben: http://www.spursuche.de/2009/10/01/spur-einer-wahrnehmung/
Es gibt ja immer verschiedene Arten, auch einen Menschen wahrzunehmen. Was mich zu Zeit sehr beschäftigt sind die Kleinigkeiten der individuellen Gestik. Und die kannst Du sehr wohl in einfachen Linien und Rythmen erfassen. Mache ich auch in der Regel beim Zeichnen.
Tatsächlich ist es ja so bei Menschen, daß sich das Äußere mit der Zeit verändert. Mimik und Gestik bleiben aber. Das erinnert mich an ein Abiturtreffen nach 25 Jahren. Ich habe die Leute teilweise nur an ihren Bewegungen wiedererkannt.
Und wie wir ja an anderer Stelle schon erörtert hatten, hast du ja auch bei der informellen Malerei oftmals einen realen Impuls.
Sei es jetzt auf Sizilien (freue mich schon auf die Zeichnungen).
Warum also nicht durch eine Person?
Michael Strogies - 22. Oktober 2009 um 15:03 Uhr
Ich bin sogar der Meinung,dass jegliche informelle Kunst einem realen Impuls entspringt(selbst das berühmte Dripping von Pollock).Da ist der Impuls durch Personen ganz natürlich mit dabei.Es ist ja auch bei deiner Arbeit so,dass die äussere Erscheinung nicht allein impulsgebend ist,sondern die Gesamtheit des Gegenübers.
Würdest du eigentlich widersprechen wenn ich deine Werke(die bearbeiteten Endergebnisse) “Portraits” nennen würde?Im Sinne einer bildlichen Darstellung der Persönlichkeit?
michele - 22. Oktober 2009 um 15:29 Uhr
Ich habe die obere Seite mal um 2 Aquarelle erweitert, um die zu zeigen , was ich meine.
Eine Variante der Serie (ich arbeite mittlerweile immer in Serien) arbeitet immer hart am Model, auch was das rein physische “Aussehen” angeht.
Dann habe ich aber auch immer Zeichnungen dabei, in denen mich nur die Struktur, der Rythmus interessiert. Das läuft meist sehr automatisch ab, und in manchen Serien gibt es da bis zu 10 unterschiedliche Zeichnungen pro Motiv.
Teilweise kombiniere ich dann wieder das “Abbild” mit diesen Strukturphasen.
Ich frage Dich. Die zweite Zeichnung, würdest Du die als informell durchgehen lassen?
Michael Strogies - 22. Oktober 2009 um 16:38 Uhr
Ich lass alles als informell durchgehen;)…..aber die harten Cracks (Kunsthistoriker,-kenner usw.)würden das ganz eindeutig als eine Abstraktion bezeichnen - was ja auch nicht falsch wäre.
michele - 22. Oktober 2009 um 18:47 Uhr